Fahrradtouren am Vatertag – rants ohne ends

Normalerweise mache ich einen großen Bogen um Verallgemeinerungen. Hier werden sie einmalig auf meinem Blog in ganz großem Stil ausgeführt und niedergeschrieben, es ist unumgänglich bei diesem Thema: der typischen Vatertagsaktivität, der Radtour.

Wenn man sich sonst immer gedrückt hat, ist dieser Auflug genauso unvermeidlich, wie die Klischees in diesem Artikel. Wo man sonst die Schule, eine andere Verabredung oder einfach Müdigkeit vorschieben konnte, hilft am Vatertag keine der genannten Ausreden mehr, ohne, dass man anschließend von einer Welle von Schuldgefühlen überrollt wird. Man wird von der Familie, die schon gar kein „ja“ mehr erwartet, gefragt, ob man mitkommen möchte. Dann passiert das Unglaubliche, man überwindet seinen Schweinehund, redet sich ein, dass es gar nicht so schlimm wird und stimmt dem Ausflug zu. Natürlich nur, weil Vatertag ist. Von einer genauen Anzahl an Kilometern wird offensichtlich nicht gesprochen, nur hinter vorgehaltener Hand, so dass man es als Tochter mit einem Defizit des Orientierungssinnes schwer hat, einzuschätzen, wie lang man wirklich auf dem Fahrrad sitzen wird.

Anfangs ist man noch motiviert. Aufgrund des fehlenden Tachos, dessen Kabel auf dem Schulhof von Volldeppen zerschnitten worden ist, hat man die genauen Daten der bereits überwundenen Strecke nicht direkt schwarz auf weiß vor sich. Aber man kann ja die Mitfahrenden fragen. Nach den ersten vier Kilometern, in denen es hauptsächlich bergab geht und auf Grund des angenehmen Fahrtwinds, ist noch alles in Ordnung. Man dankt, man sei bestimmt schon mindestens das Doppelte der wirklichen Kilometeranzahl gefahren und tritt munter weiter in die Pedalen. Das Rad dreht sich und genauso die Gedanken. Sie kreisen um schulische Themen, den Kuchen, den es nach der Tour gibt und nicht zu vergessen den Kaffee, der in der Pause versprochen wurde.

Dann kommt die Frage, die die Laune zum Kippen bringt. „Wie viel der Strecke haben wir schon zurück gelegt?“ Wäre dieser Text ein Youtube Video, wäre nun der passende Moment, um die Stimme merkwürdig zu verzehren und langsamer abspielen zu lassen. „VIER KILOMETER“.

Plötzlich spürt man einen leichten Stich im Knie, man scheint langsamer zu werden und trotz des Willens weiter zu strampeln, der zwar nicht groß ist, aber wenigstens etwas vorhanden, wird man langsamer. Man guckt auf die Uhr und sieht, dass man tatsächlich erst seit kurzer Zeit unterwegs ist. Hier höre ich auf, aus der Perspektive eines Jedermanns zu berichten, meinen Freund*innen war schon am Punkt, wo der Orientierungssinn ins Spiel kam klar, dass es sich dabei in Wirklichkeit nur um mich handeln kann. Ich muss sagen, ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon keine große Lust mehr, aber ich bewahrte den Schein meinem Bruder und meinem Vater gegenüber und lächelte die angehende schlechte Laune einfach weg.

Es war Zeit für eine Trinkpause. Mittlerweile hatte ich ein Viertel der Tour überstanden und das gar nicht so schlecht. Das heißt, dass ich nicht die letzte war und meine Familie hinter jeder Kurve auf mich warten musste. Jeder Berg war mir eine Hürde und ich zählte einfach immer weiter von eins bis zehn, weil man ja bekanntermassen immer die nächsten Sekunden aushalten kann, bis es halt dann zwei Stunden werden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich Fragen. Viele Fragen, deren Antwort ich mir einfach nicht erschließen kann. Wo ist der Spaß dabei, Pedale zu treten und zu einem Ort zu fahren, den man sonst niemals besuchen würde? Wieso trinken alle Fahrradfahre aus Plastikflaschen mit einem Nuckelverschluss? Wie viele weiter Töchter fühlen sich wohl am Vatertag verpflichtet, eine solche Tour mit zu machen? Es gibt bestimmt einen geheimen Verband solcher Töchter, die nur mitfahren, weil sie ihrem Papa einen Gefallen tun möchten. Fast jedem Mädchen das mir entgegengekommen ist, konnte ich die Trauer aus dem Gesicht lesen, die Tränen die sie am liebsten vergießen würden für jeden Kilometer, der noch vor ihr liegt und die aufgestaute Wut, die man noch nicht einmal an der dafür verantwortlichen Person auslassen kann, weil man ja „freiwillig“ mitfährt.

Endlich die Hälfte geschafft. Endlich Pause. Endlich Kaffee. 

Die Rückfahrt geht immer schneller. Ich hatte klar vor Augen, mich mit jedem Tritt in die Pedalen ein bisschen Näher an mein Ziel zu bringen. Das motivierte. So überwanden wir in kürzerer Zeit den Rückweg und auch, wenn ich am Ende sehr platt und fertig war, kann ich jetzt eine meiner selbst gestellten Fragen beantworten. Man fährt Fahrrad, weil man sich dabei so sehr über die aktuelle Aktivität aufregt, dass man alle anderen Probleme vergisst. Letztendlich war es doch eine schöne Fahrradtour. Ich habe meinem Papa eine Freude bereitet, Zeit mit der Familie verbracht, viel gelacht und war an der frischen Luft. So schnell werde ich mich aber dennoch nicht mehr zu einer überreden lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s