Jugend ohne Gott

Ich habe vor ein paar Wochen einige Bücher second-hand bestellt, mit dem Hintergedanken, vielleicht ja wieder ins regelmäßige Lesen zu kommen. Ob es wirklich geklappt hat, darüber können sich die Götter streiten, allerdings habe ich zumindest mehr gelesen, als das letzte halbe Jahr insgesamt. Unter diesen Büchern war auch „Jugend ohne Gott“. Ohne zu wissen um was es geht, wann es veröffentlicht wurde oder welches Hauptthema es beschäftigt, habe ich es bestellt und mich anschließend in die Geschichte gestürzt.

Anfangs habe ich den Punkt der Geschichte nicht erkannt, von Seite zu Seite geblättert und hatte das Gefühl, die Handlung plätscherte so vor sich hin. Das könnte von einigen als negativ aufgefasst werden, muss es aber nicht. vor allem, wenn es nur um die ersten Kapitel geht. Manchmal kommt es mir sehr entspannt vor, wenn man nicht direkt merkt, dass der Autor auf ein großes Ziel oder den Plottwist hin arbeitet.

In „Jugend ohne Gott“ geht es um einen Lehrer, der mit seinen Schülern für eine Woche in ein Militärcamp fährt. Er hat seinen Glauben in ersten Weltkrieg verloren und vertritt die Meinung, dass keinen Gott das Schrecken auf der Erde billigen oder gar erzeugen würde, deshalb gibt es für ihn keinen. Der Glaube und die Frage um Gott ist ein zentrales, wenn nicht sogar das zentrale Thema, wobei sich auch viele der inneren Monologe um die Wahrheit und das Finden dieser dreht. Seine Schüler, die nur bei einzelnen Buchstaben genannt werden um anonymisiert dargestellt zu werden, sollen in dem Camp lernen, sich in der Natur zurecht zu finden und erlernen mit Waffen zu hantieren. Im Laufe der Geschichte wird einem die Brutalität der Jugend im Dritten Reich und die Blindheit dieser vor Augen geführt. Durch einen Mord und verbotene Liebe fehlt auch die Spannung nicht und entfernt das Buch vom geschichtlichen Genre.

Vorsichtig stehe ich auf und trete ans Fenster.
Es ist noch Nacht. Ich sehe nichts. Keine Straße, kein Haus.
Alles nur Nebel. Und der Schein einer fernen Laterne fällt auf den Nebel, und der Nebel sieht aus wie Wasser. Als wäre mein Fenster unter dem Meer. Ich schaue nicht mehr hinaus.
Sonst schwimmen die Fische ans Fenster und schauen herein.

„Jugend ohne Gott“ – Ödön Josef von Horváth

Letztendlich ist das Buch ein einziger innerer Monolog des Lehrers, unterbrochen von einzelnen Gesprächen, die aber auch kaum von außen betrachtet werden. Somit wird jede Handlung aus den Augen der scheinbar einzigen Person betrachtet, die noch nach korrektem Verhalten strebt und die eigenen Taten und die Anderer reflektiert.

Auch wenn das Buch ganz und gar kein Genre ist, mit dem ich es normalerweise zutun habe mag ich es sehr gerne. Der Schreibstil und die dadurch so schön ausformulierten Gedankengänge finde ich sehr beeindruckend und dadurch, dass die Sätze so kurz gehalten werden, mach es das ganze noch viel eingänglicher. Ich habe selten so mit Leichtigkeit formulierter Sätze gelesen, die dennoch einen so großen Nachdruck haben.

Auch die Thematik um das Dritte Reich ist spannende gestaltet und steht als zentrales Thema im Raum. Das Buch dient als Gesellschaftskritik, was vor allem durch eine Beziehung zu einer Nebenfigur, die als Obdachlose im Wald lebt und so zu sagen eine „Unberührbare“ ist, verdeutlicht wird. Trotz des Titels „Jugend ohne Gott“ spielt Religion gar keine all zu große Rolle, zumindest ist es kein religiöses Buch. Zwar gibt es Gespräche mit einem Priester, dennoch spricht man in diesen mehr über das richtige Handeln, die Wirklichkeit und Wahrheit als über Glaubensfragen in Bezug auf das Christentum. Der Protagonist, der Lehrer, nimmt dabei die Rolle des Ungläubigen ein, die er trotz einer religiösen Erziehung seit dem ersten Weltkrieg vertritt.

Einige Tage nachem ich das Buch beendet hatte, lief zufälligerweise der Film in Fernsehprogramm. Dieser enthält zwar immer noch den Hauptkern der Handlung, ist aber sonst nicht mit dem Buch zu vergleichen. Ein guter Film, ein umso besseres Buch!

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