KENNENLERNEN- „Waage“, 62/182

Ich versuche neuerdings mir das Zeitung lesen anzueignen. Nicht nur online auf Nachrichtenportalen mit Werbung für Penisverlängerungen dazwischen. Oder über Journalist:innen auf Instagram. Ich meine echte Zeitungen, welche aus Papier, bei denen man die Seiten umblättern kann und dabei das Rascheln der dünnen Blätter hört. Genauso habe ich mich vergangenen Sonntag mit dem Zeit Magazin und einer guten Tasse Kaffee auf mein Bett gesetzt, mir die neue Kolumne „Da draußen“ durchgelesen und schon wieder einen Fakt über Jane Fonda herausgefunden, der sie noch sympathischer macht, als ich sie eh schon finde. Zwischen all den journalistischen Glanzleistungen, ganz unironisch gemeint, es ist mein Lieblingsmagazin, fällt mir also die Anzeigenseite auf. Das erste Mal seit ich die Zeit kaufe.

ER SUCHT SIE

Catchy Überschrift denke ich mir und meine erst, es ist ein Spaß. Die seriöseste aller seriösen Zeitungen widmet eine Doppelseite der Partnervermittlung, eigentlich ganz nett. Frauen suchen Männer, Männer suchen Frauen, Frauen suchen Frauen und Männer Männer. Ich vergas, Ehemänner suchen vergebene Ehefrauen um Affären zu starten. Ja wirklich, am besten eine Verzweifelte mit drei ungezogenen Kindern die „sich im Laufe der Jahre von ihrem Ehemann weggelebt hat“, oder einfach gerade im „verzwickten siebten Jahr“ steckt.

„Es hat sich ausgetindert! Habe weder 100 Katzen noch einen Vogel, dafür Bock auf Liebe.“

Oder wir sprechen einmal über den überaus attraktiven Multimillionär mit mehreren Anwesen, der möchte nämlich auf keinen Fall an eine Frau mit Kindern geraten. Lieber wäre ihm eine schlanke Dame mit einer maximalen Konfektionsgröße von 34, drüber wäre ja auch fast schon etwas zu moppelig. Diese Anzeige ist speziell in schwarz eingerahmt. Außerdem ist der nette Kommentar „privat eigentlich ganz umgänglich“ eingefügt. Eigentlich. Naja, dafür ist er ja Elite-Unternehmer, das macht das schon wieder wett.

Hohe Ansprüche treffen auf pfiffige Beschreibungen. Einer Dame würde es allerdings auch reichen, wenn ihr neuer Liebhaber Lesen und Schreiben kann.

Wenn man allein auf die Seite Blickt, fallen einem lauter kuriose Slogans ins Auge. Sie rufen förmlich „lies meine Anzeige zuerst, ich habe besonders viel zu bieten“. Wichtige Stichworte werden fett gedruckt. Wie Indiansummer oder Gummistiefel, die Frage ist nur, wie die dabei helfen sollen den Traumpartner kennenzulernen. Im Gegensatz dazu gibt es auch vollkommen ehrliche Texte. Ein Hamburger, der sich selbst gleich in der ersten Zeile als „alten Sack“ betitelt, ist mir fast sympathischer als derjenige, der sich in der Überschrift „Gentleman“ nennt.

Neben all den „attraktiven Witwen“ und „Akademikern“ sucht Hermine auch noch Harry. Dabei heiratet der doch am Ende der acht Filme die kleine Schwester von Ron?

Ohne herablassend wirken zu wollen würde es mich ernsthaft interessiere, ob durch diese Seiten schon wahre Liebesdramen entstanden sind. Es könnte ja sein, dass eine Ehepaar im Alter von 60-80Jahren diese Anzeigen liest und doch eventuell mal Interesse an einem „Melanger a quatre“ mit einer unkonventionellen Sportlerin und einem Akademiker hätten. Oder ein 65-jähriger bei einer Tasse Ingwertee den Ruf des Südens hört und ihm mit der Anzeigenstellerin folgen möchte. Wer weiß?

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